Hessische-Nachrichten - Stadt Frankfurt am Main - Aktuell -Frankfurt am Main – (ffm) Das Brexit-Kooperationsnetzwerk der Region Frankfurt/Rhein-Main und des Landes Hessen begrüßt den nach langem politischem Tauziehen in letzter Minute zustande gekommenen Vertrag über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU). Obwohl noch nicht alle Einzelheiten abschließend geklärt sind, herrsche zumindest ein gewisses Maß an Klarheit für die Wirtschaft und für die zahlreichen am Finanzplatz Frankfurt beheimateten oder wegen des Brexits zugezogenen Banken und Unternehmen.

Das Brexit-Koordinationsnetzwerk besteht aus der Hessischen Staatskanzlei sowie sieben in der Wirtschaftsförderung und dem Standortmarketing aktiven Organisationen und Initiativen: Hessen Trade und Invest, der HA Hessen Agentur, Frankfurt RheinMain GmbH International Marketing of the Region, der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main, der Wirtschaftsförderung Frankfurt, der Finanzplatz-Initiative Frankfurt Main Finance und dem Verband der Auslandsbanken. Seit Gründung tagten die Mitglieder etwa 200 Mal.

Das Netzwerk konstituierte sich bereits 2016 mit dem Ziel, sich im Land Hessen und der Region Frankfurt/Rhein-Main bestmöglich auf die Auswirkungen des Brexits vorzubereiten. Durch die Bündelung der verschiedenen Kompetenzen und die ressortübergreifende Arbeit wurden seither eine große Zahl an Banken und Unternehmen bei ihrer Ansiedlung unterstützt. Wie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) bekannt gegeben hat, haben circa 60 Finanzinstitute eine Lizenz in Deutschland beantragt, wovon der Großteil eine Europazentrale in Frankfurt einrichten wird. Darüber hinaus wurden bei der FrankfurtRheinMain GmbH mehr als 20 Unternehmen anderer Branchen aus Großbritannien bei der Ansiedlung unterstützt.

Lucia Puttrich, Hessische Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten: „In Hessen waren wir auf beide Szenarien gut vorbereitet. Wir haben uns natürlich gewünscht, dass noch eine Einigung erreicht werden kann. Aber wir waren auch auf einen harten Brexit vorbereitet, auch dank der sehr guten Zusammenarbeit mit dem Brexit-Kooperationsnetzwerk. Jetzt steht die Bewältigung der Corona-Pandemie ganz oben auf der Tagesordnung. Die zwei Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft sind schon heute dramatisch und wir können derzeit nur spekulieren, welche Stoßwellen zeitversetzt auch den europäischen Finanzmarkt erreichen. Der Finanzplatz London wird auch nach einem harten Brexit ein enorm wichtiger Partner für Kontinentaleuropa – und damit auch für Frankfurt – bleiben. Wir sollten deshalb weiter an guten Beziehungen mit London arbeiten. Dazu gehört nicht nur eine gute Stimmung, sondern auch die richtigen Rahmenbedingungen. Gemeinsam stehen wir nicht in einem europäischen Wettbewerb gegeneinander, sondern in einem weltweiten Konkurrenzkampf.“

Stadtrat Markus Frank, Dezernent für Wirtschaft der Stadt Frankfurt: „Im Wettbewerb mit den wichtigsten Finanzplätzen in Europa hat Frankfurt am Main durch zahlreiche neue Bankinstitute und wichtige europäische Finanzinstitutionen seine Stellung deutlich ausgebaut.‘‘

Ulrich Caspar, Präsident der IHK Frankfurt am Main: „Für unsere Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen ins Vereinigte Königreich geht eine mehrjährige Phase der Unsicherheit zu Ende. Das Geschäft mit britischen Partnern wird künftig aufwändiger, darauf haben sich die Firmen in den letzten Monaten überwiegend schon vorbereitet. Insgesamt werden sich die negativen Folgen für die Wirtschaft der Region schon deshalb in Grenzen halten, weil unsere Unternehmen im Auslandsgeschäft ausgesprochen international aufgestellt sind. Außerdem ist der Standort gut positioniert, um von Geschäftsverlagerungen im Zuge des Brexit zu profitieren.“

Andreas Prechtel, Geschäftsführer des Verbands der Auslandsbanken (VAB): „Die geplante und zum Großteil schon vollzogene Verlagerung von Assets aus London nach Frankfurt verdoppelt das Geschäft der Auslandsbanken in Deutschland. Dies trägt dazu bei, das Auslandsbanken den Standort noch stärker prägen und ihn innerhalb Kontinentaleuropas zum führenden und international geprägten Finanzplatz machen mit ‚Hub‘-Funktion zum Aufbau der europäischen Kapitalmarkt- und Bankenunion.“

Eric Menges, Geschäftsführer der Frankfurt RheinMain GmbH International Marketing of the Region: „Selbstverständlich bedauern wir die Entscheidung der Briten, aus der EU auszutreten, sehr. Allerdings ist die Region Frankfurt/Rhein-Main auch der beste und unkomplizierteste Standort für Unternehmen, die sich jetzt nachhaltig im Europa der 27 engagieren möchten.“

Gerhard Wiesheu, Präsident der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance, sagt: „Es ist gut, dass es in letzter Minute gelungen ist, sich auf ein Vertragswerk zu einigen. Der Finanzplatz Frankfurt hat seit jeher gute Beziehungen nach London und daran hat auch die Hängepartie in den zurückliegenden Monaten und Jahren nichts geändert. Die Finanzwirtschaft hier am Main freut sich auf einen von gegenseitigem Respekt und dem Willen zur Zusammenarbeit geprägten harten, aber zugleich fairen Wettbewerb mit der City of London.“

Unternehmen in der Region Frankfurt/Rhein-Main sind vom Austritt Großbritanniens aus der EU stark betroffen. Zum einen gibt es zahlreiche gewachsene Beziehungen mit Firmen im Vereinigten Königreich, zum anderen haben die beiden Finanzplätze London und Frankfurt seit vielen Jahrzehnten eine enge Verbindung. Mit dem Brexit haben zahlreiche Banken ihren Hauptsitz in der Europäischen Union von London in das zentral auf dem Kontinent liegende Frankfurt verlagert, darunter zahlreiche der großen US-Banken und bedeutende asiatische Institute. Auch britische Geldhäuser haben ihre Zelte neu in Frankfurt aufgeschlagen oder bestehende Niederlassungen deutlich verstärkt, da sie ihre Geschäfte in Kontinentaleuropa künftig nicht mehr alleine aus London heraus abwickeln können.

Darüber hinaus haben viele andere Branchen wie etwa die Informations- und Kommunikationstechnik, Consulting und Pharma and Life Science von durch Brexit angeschobenen Ansiedlungsentscheidungen und den insgesamt stabilen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Region Frankfurt RheinMain profitiert.