Ausstellung in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel vom 11. Dezember 2016 bis 19. Februar 2017

Extra-Stadtportal - Regensburg -Regensburg (BY) – Daniel Koninck trifft auf Norbert Bisky; Jim Butler und Moritz Schleime begegnen Pieter Verelst. Jan Miense Molenaer lädt mit Daniel Richter zum Tanz, und Egbert van Heemskerck diskutiert mit Neo Rauch über das Thema „Arbeit“. Wenn das flämische Barock aus dem 17. Jahrhundert mit zeitgenössischen Künstlern in einem Raum hängt, scheinen die Gegensätze nicht größer sein zu können – so denkt man. Doch ein zweiter Blick offenbart, dass die Gemeinsamkeiten stärker sind als die Unterschiede. Sind es nicht damals wie heute dieselben Probleme, die die Künstler beschäftigen? Das Bildnis des Menschen, die Liebe und die Erotik, das Leben, das sich in Arbeit und Vergnügen spaltet, und die Mahnung vor dem unausweichlichen Ende, das alle weltlichen Güter und Eitelkeiten mit einem Streich hinfällig macht.

In der Ausstellung „Bittersüße Zeiten“ – Barock und Gegenwart in der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin“, die vom 11. Dezember 2016 bis 19. Februar 2017 in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel gezeigt wird, treten außergewöhnliche Werke miteinander in einen Dialog, deren Entstehungszeit um die vierhundert Jahre auseinanderliegen und die sich auf wundersame Weise ergänzen. Mögen sich die Zeiten geändert haben, die essenziellen Probleme des Mensch-Seins sind die gleichen geblieben: Wir werden geboren, wir leben, lieben und arbeiten, und wir sterben am Ende. Die Ausstellung zeigt die fundamentalen Unterschiede in der Kunst und der Perspektive beider Epochen auf das Leben, aber auch die Gemeinsamkeiten in Form und Motivwahl, die sich als geschichtsübergreifende Konstante der Kunst herausstellen.

In fast 30 Werken aus dem holländischen und flämischen Barock des 17. Jahrhunderts und gut 90 zeitgenössischen Werken von international bekannten Künstlern der Gegenwart verfolgt „Bittersüße Zeiten“ die wichtigsten Stationen des menschlichen Lebensweges von der Kindheit bis zum Totenbett. Dabei begegnen dem Besucher die Meister der flämischen Feinmalerei, die von italienischen Landschaften beeinflussten Bamboccianti und die beeindruckenden Werke der holländischen Genremalerei, die mit ihrem liebevollen Blick für Details eine Bestandsaufnahme ihrer Zeit liefern.

Samuel von Hoogstraten, Frans Hals‘ jüngerer Bruder Dirck Hals, Pieter Codde, Joos van Craesbeck, Jacob Adriaensz. Backer, Hendrik Gerritsz. Pot, Adriaen van Ostade, David Teniers, d.J., und Cornelis Gysbrecht sind einige der Künstler, die vor allem in Haarlem, Den Haag, Amsterdam und Antwerpen die holländisch-flämische Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts prägten. Idealisierte Darstellungen des täglichen Lebens, moralische Anleitungen für ein ehrbares Dasein und die Hervorhebung des gesellschaftlichen Status durchziehen die Motive der überaus fein gearbeiteten Gemälde.

Die Meister des Barock stehen in der Ausstellung in einem spannenden Dialog mit international bekannten Künstlern und den größten Talenten der Gegenwart. Neben George Condo, Jim Butler, Tracey Emin, David Hockney und David Lynch sind es dabei Jonathan Meese, Neo Rauch, Daniel Richter und Oda Jaune, die internationalen Ruf genießen. Auch Künstler wie Tilo Baumgärtel, Kathrin Heichel und Irene Bisang gehören zu den Künstlern, die die Malerei derzeit prägen, ebenso wie Jonas Burgert, Alicja Kwade, Paule Hammer, Norbert Bisky, Martin Eder, Justine Otto, BEZA und viele andere.

Liegt auch fast ein halbes Jahrtausend zwischen den beiden Epochen, so ähneln sich Situation und Ansatz des Kunstschaffens auf frappierende Weise. So erlebte die Malerei in Holland und Flandern nach der Reformation und der Befreiung von der spanischen Besatzung einen immensen Aufschwung, der auch durch den zunehmenden Status der Niederlande als Welthandelsmacht unterstützt wurde. Die Porträt-, Allegorie- und Genremalerei des so genannten „Goldenen Zeitalters“ war für den barocken Zeitgenossen praktisch allgegenwärtig. Kunst wurde auf Märkten und in vielen Fachgeschäften angeboten, Gemälde wurden in Lotterien verlost oder als Gewinne für Wettbewerbe ausgeschrieben. Zum ersten Mal begannen Sammler, Kunst als Wertanlage zu erwerben, und man kann davon ausgehen, dass fast jeder bürgerliche Haushalt über mehrere Gemälde verfügte.

So wie heute Musik, Literatur oder andere Kulturgüter Teil einer weit verbreiteten Popularkultur sind, so kann man auch in der barocken Malerei der Niederlande von einer Pop-Kultur sprechen: Einer Kultur, die sich nicht an religiöse, monarchische oder akademische Eliten richtete, sondern die für den Bürger geschaffen und vom Bürger angenommen wurde. Allein für den Zeitraum von 1550 bis ca. 1800 sind bisher etwa eine Million schaffende Künstler in den Niederlanden nachgewiesen.

Die Situation heute ist der damaligen nicht ganz unähnlich: Nie war der allgemeine Wohlstand der europäischen Gesellschaft so groß wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Heute bieten zahllose „Art Fairs“ in vielen Städten regelmäßig Kunst zu erschwinglichen Preisen an, die auch vom „Normalbürger“ bezahlbar sind. Kunst ist in der einen oder anderen Form ein natürlicher Bestandteil unseres Lebens geworden und hat schon lange seinen Eingang in den öffentlichen Diskurs gefunden, statt nur einem kleinen Kreis von Fachleuten zugänglich zu sein. Wie die Niederländer es in emblematischer Form taten, reflektieren auch die zeitgenössischen Künstler heute die Ausprägungen und Strömungen, die das tägliche Leben beeinflussen. Ihre Kunst ist ein Kommentar über die Beschaffenheit der Gegenwart, der sich dem sozialen Leben und seinen Konflikten, den individuellen Erfahrungen des Menschen und dem Verhältnis zu seinen emotionalen Verstrickungen widmet.

Sämtliche Werke der Ausstellung „Bittersüße Zeiten“ stammen aus der SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin, die eine der umfassendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in Deutschland sein dürfte – und womöglich die einzige Sammlung, deren Schwerpunkte sich in einem so hohen Maße gleichzeitig auf Werke des holländisch-flämischen Barocks und der Gegenwart konzentriert.

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Grundstock dieser Sammlung gelegt, deren Umfang heute weit über 2000 relevante Werke aus beiden Epochen vereinigt. In den 1950er und 1960er Jahren begann Egon Rusche seine Sammlung der goede onbekenden in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts aufzubauen, die unter der Anleitung von namhaften Kunsthistorikern und durch Verbindungen mit maßgeblichen Sammlern schnell anwuchs. In vierter Generation übernahm Dr. Dr. Thomas Rusche früh die Begeisterung seines Vaters für die niederländische Barockmalerei, die nach wie vor einen Aspekt seiner Sammelleidenschaft darstellt. Seit 2005 fügt er der Sammlung eigene Positionen hinzu, die er mit dem Blick eines Altmeistersammlers und unter Fragenstellungen erwirbt. Der Dialog zwischen alten und neuen Meistern ist seitdem für ihn programmatischer Ansatz.

Zur Ausstellung wird ein Katalog erhältlich sein mit vielen Abbildungen und fundierten Texten, welche die ausgestellten Werke kommentieren und Fragestellungen, die sich aus der Konfrontation zweier Zeitalter ergeben, wissenschaftlichen aufarbeiten.

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Text: Stadt Regensburg

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