Sauenhaltung: Tierschutz darf nicht weiter vertagt werden – Bauernverband Schleswig-Holstein und Deutscher Bauernverband fordern Aussetzung der Umbaufristen – PROVIEH stellt sich entschieden dagegen und fordert klares Bekenntnis zu geltendem Recht .
Kiel, 2. September 2026 – Kurz vor Beginn der landwirtschaftlichen Fachmesse NORLA wird erneut über eine Aussetzung der geltenden Umbaufristen in der Sauenhaltung diskutiert. Der Deutsche Bauernverband (DBV) hatte am 11. August gefordert, die Fristen angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation der Schweinehalter auszusetzen und die weitere Entwicklung auf EU-Ebene abzuwarten. Auch der Bauernverband Schleswig-Holstein greift die Forderung anlässlich der bevorstehenden NORLA erneut auf und richtet sie an die Landespolitik.
PROVIEH lehnt eine weitere Verschiebung entschieden ab. Die Sauenhaltung befindet sich seit Jahrzehnten in einem gesetzlich vorgezeichneten Veränderungsprozess, der von Beginn bis zum letzten Umsetzungsschritt 30 Jahre umfasst. Die Sauen dürfen nicht die Leidtragenden politischer Verzögerungen werden.
Die Schweinehalter:innen wurden nicht überrumpelt
Bereits 2006 wurde die Gruppenhaltung von Sauen im Wartebereich beschlossen und mit der Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) ab 2013 verbindlich vorgeschrieben. 2021 wurden schließlich weitere Schritte zum Ausstieg aus dem Kastenstand festgelegt – allerdings mit großzügigen Übergangsfristen: Für das Deckzentrum gilt eine Frist bis 2029, für den Abferkelbereich bis 2036. Zudem wurden für das Deckzentrum Zwischenschritte vorgeschrieben: Betriebe mussten bis Februar 2024 ein Betriebs- und Umbaukonzept vorlegen, bei genehmigungspflichtigen Umbauten war bis Februar 2026 ein Bauantrag einzureichen.
„Wir sprechen nicht über eine kurzfristig eingeführte Vorschrift, sondern über einen jahrzehntelangen Veränderungsprozess und einen Zeitraum von insgesamt 30 Jahren. Die Sauenhalter:innen wurden mit diesen Anforderungen nicht überrumpelt. Wer jetzt erneut über eine Aussetzung der Fristen spricht, ignoriert die geltende Gesetzeslage – und vor allem die rund 1,4 Millionen Sauen, die mehr als fünf Monate im Jahr unter dieser grausamen Käfighaltung leiden“, sagt Kathrin Kofent, Fachreferentin für Tiere in der Landwirtschaft, PROVIEH e.V..
Eine weitere Verschiebung bedeutet, dass Tiere länger in Haltungssystemen verbleiben, die ihre Bewegungsfreiheit und die Ausübung wichtiger Verhaltensweisen über lange Zeiträume erheblich einschränken. Die Sauen können sich in dieser Zeit nicht fortbewegen oder auch nur umdrehen. Bislang verbringen Sauen 22 Wochen je Ferkelzyklus bzw. 50 Wochen im Jahr im Kastenstand. Der Ausstieg aus der Kastenstandhaltung ist somit eine eindeutige Frage des Tierschutzes und darf nicht erneut infrage gestellt werden.
Appell an Bund und Land
PROVIEH fordert Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer sowie Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg und die Landesregierung Schleswig-Holstein auf, sich klar zu den geltenden Tierschutzvorgaben und den bestehenden Umbaufristen zu bekennen.
Weder Bundes- noch Landesregierung sollten für eine weitere Verlängerung der Kastenstandhaltung eintreten, sondern dafür, dass der notwendige Wandel für mehr Tierschutz in der Sauenhaltung entsprechend der geltenden TierSchNutztV umgesetzt wird.
Auch eine mögliche neue EU-Regelung darf nicht zum Vorwand werden, in Deutschland bereits beschlossene Tierschutzverbesserungen erneut aufzuschieben.
Die von den Verbänden hervorgehobenen wirtschaftlichen Herausforderungen der Betriebe nimmt PROVIEH ernst. Öffentliche Unterstützung ist angemessen und nötig, wo sie den tiergerechten Umbau tatsächlich voranbringt. Eine Förderung darf hingegen nicht dazu beitragen, bestehende Strukturen der industriellen Massentierhaltung weiter auszubauen.
PROVIEH fordert:
- keine weitere Aussetzung oder Verlängerung der geltenden Umbaufristen
- die konsequente Umsetzung der bereits beschlossenen Tierschutzvorgaben der TierSchNutztV
- ein klares Bekenntnis der Bundes- und Landesregierungen zum Ende der Kastenstandhaltung
- gezielte Unterstützung für tiergerechte Umbauten, insbesondere bei kleineren und bäuerlichen Betrieben, anstelle von öffentlichen Mitteln nach dem Gießkannenprinzip
Tierschutz ist keine Stellschraube, die bei wirtschaftlichem Druck immer wieder zurückgedreht werden kann. Die Sauenhaltung muss sich verändern. Die Weichen dafür wurden vor langer Zeit gestellt.
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Text: PROVIEH e.V.