Gastbeitrag von Manuela Engel-Dahan – Mit wachem Blick für die Poesie des Alltags und die Sprache der Natur betrachtet Manuela Engel-Dahan in ihrem neuen Text den Herbst – und was er uns über Freiheit, Ordnung und das Loslassen lehrt. Zwischen Kurpark und Wald entsteht ein berührendes Gedankenbild, das zum Nachdenken und Fühlen einlädt.
In diesem eindrucksvoll geschriebenen Beitrag nimmt uns Manuela Engel-Dahan mit auf einen Spaziergang zwischen Natur und Gesellschaft. Zwischen dem freigegebenen Chaos im Wald und der kontrollierten Sauberkeit in der Stadt stellt sie berührende Fragen über das Leben, das Loslassen – und das Menschsein.
Herbst-Graffiti oder -Chiffren im November 2025
Frank und frei, wie ein Blatt …
Farbenfroh leuchtet der Wald. Herrlich spielerisch tanzen die Blätter vor meinem Gesicht, mit jedem Schritt ermuntere ich jene, die sich bereits erschöpft am Waldboden niedergelassen haben, schubse sie mit meinen Stiefeln und hinterlasse als Fußabdruck Linien im Blättermeer, die sich in meinem Kopf zu Wortbildern formen. Und das Geräusch lässt auch diese tanzen und trägt sie mit meinen Gedanken in den Kurpark. Dort wo menschliche Bläserkommandos zur Tat schreiten.
Tagtäglich sehe ich die Unterschiede. Der Wald überlässt den Blättern dem freien Fall, unbekümmert dürfen sie, vielleicht noch unentschlossen, an den Ästen flattern, um sich losgelöst fallen und treiben zu lassen. Vielleicht lassen sie los, weil die Kraft nicht mehr reicht oder andere, weil sie sich mutig in ein neues Abenteuer stürzen. Es wirkt, aus welchem Grund auch immer, so eigenständig und ungebunden im Zusammenspiel mit Wind und Wetter. Und jedes einzelne nimmt den Platz ein, der vielleicht vorbestimmt oder vorgesehen ist. Wer weiß das schon. Das Schauspiel hat eine gewisse Unbeschwertheit und je nach meiner Gemütslage wirkt es wild und verwegen oder befreiend und ergeben.
Im Park dagegen wird alles blitzblank geputzt. Dort will man Blatt-Graffiti nicht dulden, weil sie frech die Abgrenzungen ignorieren und ihre Botschaften verbreiten. Ganz zu schweigen von den mühsam zu entziffernden Chiffren, deren Botschaft man im Park partout nicht lesen will.
Sortieren und wegräumen, was nicht ins vorgegebene Bild passt. Nicht mit Rechen, die haben längst ausgedient und stehen herrenlos in Spinden herum. Heutzutage bewaffnen sich entschlossene Herren mit dröhnenden Blasinstrumenten, nun gut, ich will nicht verhehlen, dass ich vereinzelt auch flüsterleise Elektroantriebe geortet habe. Doch das Motiv bleibt gleich:
Gnadenlos wird das ungestüme Blätterwerk, das sich keck auf schwarz asphaltierten Wegen ausbreitete, zu kleinen und monströsen Blatt-Bergen zusammengetrieben, als würde man erledigte Notizzettel stapeln, um diese zu entsorgen. Und so sieht man Tag um Tag ambitionierte Saubermänner, die mit entschlossener Miene den bis vor kurzem noch so bewunderten Baumschmuck hastig in die bereitgestellten riesigen Kunststofftaschen stopfen, um diese dann zu zweit auf Lastwagen und Anhänger zu hieven.
Das Blätter so schwer sein können, ich wundere mich, vielleicht weil sie Wasser zu Hilfe nehmen, um sich am Boden festzukleben? Ein letzter, kläglicher Versuch, der jedoch scheitert. Auch der herbeigeeilte Herbstwind, kann die Verladung nicht verhindern, zumindest findet er Gelegenheit, um sein lustiges Spielchen zu treiben. Ungeniert fährt er den Herren in die Parade und schafft es auch, einige Sammelstellen wieder aufzulösen. Doch der Entsorgungs-Vorgang wird dadurch lediglich verzögert. Man will hier keine fröhlich gelb, orangen Blattschriftzeichen auf den leuchtend grünen Rasenflächen erlauben. Der Wind als Maler, mit Schriftzeichen und Farbklecksen in braun, rot, orange und gelb. Was für ein Unfug. Weg damit und rein in den Sack.
Der Mensch ordnet und säubert die Flächen. Radiert und wischt und fegt die letzten Spuren von dem, was die Natur entwickelt, ignoriert die Botschaften und hinterlässt sein eigenes Urteil:
Ab in den Kompost.
Und doch bleibt alles gleich, denn auch im Wald wird kompostiert, nur eben anders.
Doch wirklich frank und frei ist der, der auch kein Blatt vor den Mund nehmen muss.
📌 Zur Autorin: Manuela Engel-Dahan
Manuela Engel-Dahan ist zertifizierter Stress- und Burnout-Coach, Entspannungstrainerin, Künstlerin und Autorin. Nach über 40 Jahren Erfahrung als Unternehmerin begleitet sie heute Menschen auf ihrem Weg zu innerem Frieden und Lebensfreude.
In ihren Kolumnen verbindet sie die Liebe zur Natur mit tiefgründigen Impulsen für persönliches Wachstum. Sie ist Autorin der „Freigeistigen Waldgedanken“ – von einem Kunsthistoriker bereits mit Friedrich Nietzsche verglichen – und Initiatorin des 1. Hessischen MUTmachSALONs „Schafft die Angst ab“ in Bad Orb.
➡ Mehr über ihre Arbeit unter:
👉 www.FormYourWorld.de
👉 www.hundertrotwein.de
👉 Instagram: @manuela.engel.dahan
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Bild & Text Herbst-Graffiti oder -Chiffren © Manuela Engel-Dahan
Autorin & Begleiterin für neues Bewusstsein.
Zurück ins Vertrauen. Zurück zur Natur.
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Bad Orb/Wegscheide, 4November 2025
Das neue Buch „Mentales Waldbaden – Für mehr Selbstfürsorge und Resilienz“ erscheint am 21. November 2025 im Antheum Verlag. ISBN 978-3-95949-789-3